In der vergangenen Nacht jährte es sich zum 82. Mal: dass sich drei Menschen, darunter ein zwanzigjähriges Mädchen, mit Schlaftabletten und Gas das Leben nahmen. Ich meine Jochen Klepper, seine Ehefrau Johanna und seine Stieftochter Renate.
1931 hatten Jochen und Johanna geheiratet. Johanna war eine Frau jüdischer Abstammung, jung verwitwet, mit zwei Töchtern. 1938 ließ sich Johanna taufen, aber dennoch sollte sie aufgrund ihrer „nichtarischen“ Herkunft von Jochen Klepper von den Nazis zwangsgeschieden und deportiert werden, genauso wie ihre Tochter Renate. Die ältere Tochter Brigitte hatte vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nach Großbritannien emigrieren können. Die Familie sah keinen anderen Ausweg mehr als sich gemeinsam das Leben zu nehmen.
Jochen Klepper, der jahrelang Tagebuch führte, trug vor seinem Tod folgende Worte als letzte in sein Tagebuch ein: "Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott – Wir gehen heute nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.“ Drei Jahre zuvor entstand sein Adventslied: „Die Nacht ist vorgedrungen.“ In unserem Kirchengesangbuch trägt es die Nummer 16. Es unterscheidet sich von vielen der anderen Adventslieder: die Melodie ist eher getragen, der Text zeigt eine verhaltene Freude. Das Gotteskind wird geboren, aber damit ist noch nicht alles gut. Der Tag ist nicht mehr fern, aber die Nacht ist noch ganz schön finster. Und Gott begegnet in dem Kind in der Krippe und später in dem erwachsenen Jesus- aber zugleich bleibt er auch im Dunkel verhüllt: „Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt“, so drückt es Jochen Klepper aus. Und doch ist der Retter da: keine irdische Macht dieser Welt, auch nicht der mächtige Staatsapparat des Hitlerregimes kann dies verhindern: wer sich an Gott hängt, findet Rettung, auch wenn er sein irdisches Leben nicht retten kann – am Ende gehen wir doch dem segnenden Christus entgegen.
Und heute, im Jahr 2024: Parolen finden in Deutschland wieder Gehör, wie sie in schlimmsten Nazizeiten gebrüllt wurden. Ein barbarischer Krieg tobt nur 1000 Kilometer von uns entfernt. Jüdinnen und Juden verstecken in manchen Wohngegenden Deutschlands die Zeichen ihres jüdischen Glaubens aus Angst vor Gewalt und Verfolgung. Gott hat sich noch immer in ganz schönes Dunkel gehüllt und scheint zu all dem zu schweigen. Und doch ist er da, er, der Leiden kennt, steht bei den Leidenden, ermutigt andere dem Hass zu widersprechen und legt in unser Herz die Sehnsucht nach Weihnachten, nach Frieden, nach Geschwisterlichkeit, nach Gott, der zum Greifen nahe ist …
„Die Nacht ist vorgedrungen!“ Am Ende ist Licht. Und wir haben es mit in der Hand – ob es schon jetzt zwischen zweitem und drittem Advent: etwas heller werden kann auf dieser Welt. Bleibt behütet!